• Keine Sekunde bereut

    Von Annette Trube

    Vier Jahre in der Grundschule Lützelsachsen waren für meine Tochter und uns als Familie im Großen und Ganzen eine unbeschwerte Zeit. Sie gehörte einfach dazu, so wie auch meine anderen Kinder. Sie konnte weiter mit ihren Kindergartenfreundinnen und -freunden zur Schule gehen. Es gab keinen Bruch, keine Selektion, keine Aussonderung.

    Und sie konnte zu Fuß zur Schule gehen, gemeinsam mit ihren Geschwistern. Wir haben viel auf diesen Schulwegen erlebt. Oft haben wir z.B. eine ältere Dame mit ihrem Hund getroffen. Wir kamen ins Gespräch und einmal konnten wir ihr helfen. Daraus entstand, dass sie meine Tochter samstags immer zu einem Hunde-Spaziergang abgeholt hat. Die beiden waren Eis essen, im Zoo, wir haben sie zu Weihnachten eingeladen. Sie gehört fast ein bisschen zur Familie. Das hätte sich niemals entwickelt, wenn meine Tochter morgens von einem Bus Richtung Sonderschule abgeholt worden wäre. Diese Begegnung wie viele andere im Kontext mit meiner behinderten Tochter und Inklusion waren für uns eine große Bereicherung. Wir haben viele besonders wertvolle, interessierte und liebenswürdige Menschen kennengelernt. Wir konnten viele Menschen „berühren“ und sie „innerlich bewegen“ – und umgekehrt. Allein dafür war es wert, für Inklusion zu kämpfen.
    Immer wieder werde ich gefragt, warum ich das tue und mich so für das Thema engagiere. Meine Gedanken dazu sind komplex, aber ich versuche es mit einer kurzen Begründung: Ich habe ein absolutes Unverständnis über den Umgang unserer Gesellschaft mit unperfekten Menschen. Tief in mir sitzt ist eine gewaltige Wut darüber, dass es für meine Tochter fast immer ein „Aber“ oder ein „Nein“ gab, nur weil sie nicht „perfekt“ ist. Von Beginn wurde immer wieder versucht, sie auszugrenzen. Aber für mich war sie doch genauso zauberhaft und liebenswert, wie meine anderen Kinder. Ich konnte und wollte das nicht verstehen und habe mich einfach gewehrt, für meine Tochter, für meine Kinder, und dies mit allen mir zur Verfügung stehenden Mitteln.

    Wir hatten in der Grundschule extrem kompetente und warmherzige Lehrerinnen und eine Direktorin, für die es völlig selbstverständlich war, dass meine Tochter in die Wohnortschule geht. Und es wurden einige Familien der Mitschüler regelrecht „geweckt“. Bei ihnen hat sich ein Knoten im Kopf gelöst und sie tragen inzwischen den Gedanken der Inklusion voll mit und weiter. Allein das war es schon wert! Natürlich hat es mich auch traurig gemacht, dass einige wenige Eltern mit uns nichts zu tun haben wollten und sich unsere Kinder nicht verabreden durften.

    Getragen hat mich auch der Arbeitskreis Inklusion. Mit Gleichgesinnten aus verschiedenen Bereichen an einer gemeinsamen Sache zu arbeiten ist einfach toll. Da fallen dann viele Ideen auf fruchtbaren Boden. Wir konnten gemeinsam wirklich viel in Weinheim bewegen. Hoffentlich findet der AKI bald eine gute Nachfolge für mich.

    Engagement kostet, aber gibt auch Kraft, sogar viel. Wenn ich sehe und erlebe, wie Inklusion unsere Gesellschaft positiv verändern kann, dann frage ich mich: Was kann es Sinnvolleres geben? Ich habe vier Kinder, die ganz normal und selbstverständlich mit Menschen mit Behinderung umgehen, nicht nur mit ihrer Schwester. Da spricht ein Junge komisch und humpelt sehr auffällig– das ist kein Grund für meinen Sohn, sich nicht ihm zum Fußballspielen zu verabreden.

    Und ich habe eine Tochter, die uns allen immer wieder beweist, dass sie viel mehr kann, als wir ihr zutrauen. Vermutlich wird sie nicht laufen, nicht lesen und schreiben lerne – all das hat man uns mal gesagt. Und dann durfte sie eines Tages als kleine Ballerina eine Schneeflocke beim Nussknacker tanzen, wir haben Bauklötze gestaunt, als sie uns das erste Mal etwas vorgelesen hat und platzen fast vor Stolz, wenn sie Englisch-Vokabeln wiedergibt und ihr Wissen kundtut, von nachtaktiven Tieren bis hin zur Bundeskanzlerin. Sie hat so viel gelernt in der Schule, auch was ihr Verhalten angeht: Sie kann verhandeln, sich durchsetzen, sich wehren, trösten und sie kann zicken wie die anderen Mädchen auch. Und sie weiß genau, wo sie steht, was sie kann und was nicht.
    Dass sie in die allgemeine Schule gegangen ist, bereue ich keine Sekunde!

    Annette Trube hat 2009 die IGIS (Interessengemeinschaft Inklusive Schule Raum Weinheim) gegründet, die mit der Elterninitiative eng zusammen gearbeitet hat. Ab 2012 war sie stellvertetende Sprecherin des Arbeitskreises Inklusion in Weinheim (www.inklusion-weinheim.de). Seit diesem Sommer lebt sie mit ihrem Mann und ihren fünf Kindern in der Nähe von Bonn.

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